Abteilung 2. Lebenshälfte

Zielgruppe
In einer Welt, die dem Ideal ewig währender Jugendlichkeit huldigt, wird leicht übersehen, dass Altern zu unserem Dasein gehört. Älterwerden bringt zwar eine zunehmende Fülle an Lebenserfahrung mit sich, Fragen der Existenzgründung, das Hineinfinden in neue Partnerschaften oder ungewohnte berufliche Situationen treten häufig zurück. Die die zweiten Lebenshälfte prägende Wendung hin zu den eher inneren Fragen nach dem Sinn und den Zielen im Leben, der Bilanz und die Beschäftigung mit der eigenen Vergänglichkeit können aber auch schwerwiegende Krisen hervorrufen. Auch der Prozess der Alterung selbst kann ausgesprochen konflikthaft erlebt werden. Alte seelische Verletzungen können nach Phasen jahrelanger Beruhigung wieder aufbrechen, oder aktuelle (oft unbewusste) Konflikte können in Verbindung mit Trennungen, Verlusten, zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen und Veränderungen des sozialen Status zum Auftreten seelischer und/oder körperlicher Krankheitszeichen führen.

In der Abteilung für Patienten in der  2. Lebenshälfte werden typischerweise Patienten mit neurotischen Störungen (z.B. depressiven Störungen, Angststörungen, Zwangsstörungen), Belastungsreaktionen (z.B. Trauerreaktionen), Persönlichkeitsstörungen und/oder psychosomatische Krankheitsbildern behandelt.
 
Eine stationäre Behandlung in der zweiten Lebenshälfte unter psychosomatischen und psychotherapeutischen Gesichtspunkten kann dann besonders sinnvoll sein, wenn
  • nach (oft langwieriger) ambulanter Abklärung organischer Beschwerden seelische Faktoren als (Mit-)Verursachung erkannt werden, die eine psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlung erfordern
  • Patienten einer solch intensiven Behandlungsform bedürfen, weil sonst eine Dekompensation im bisherigen Lebensumfeld droht (Zuspitzung der Symptomatik, Krisensituation) oder bereits stattgefunden hat
  • Patienten überhaupt erst einen Zugang finden wollen zu einer Aufarbeitung ihrer jeweiligen (unbewussten) Konflikte
  • mehrere Störungen gleichzeitig vorliegen, die einen breit gefächerten Behandlungsansatz notwendig machen
  • es aufgrund von Beschwerdebild und Persönlichkeitsstruktur der Patienten sinnvoll erscheint, die Behandlung in mehreren Abschnitten (Intervallbehandlung) vorzunehmen
  • organische und seelische Beschwerden schon seit sehr langer Zeit bestehen (Gefahr der weiteren Chronifizierung)
  • eine zeitweise Herauslösung aus dem krankheitsauslösenden oder krankheits-fördernden Milieu angezeigt ist
  • die spezifische Art der Beschwerden eine Behandlung im ambulanten Bereich nicht zulässt (z.B. Platzangst etc.).
Um an dem intensiven Behandlungsprogramm teilnehmen zu können, dürfen Patienten keine schwerwiegenden Hirnleistungsdefizite aufweisen, sie müssen in der Lage sein, sich selbst orientieren zu können und mit den alltäglichen Verrichtungen selbst zurechtzukommen. Für bettlägerige oder pflegebedürftige Patienten ist unsere Klinik nicht angemessen eingerichtet.


Behandlungskonzept
Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass eine konflikt- und einsichtsorientierte Behandlung nur bei Menschen bis zum mittleren Lebensalter erfolgreich angewandt werden könne. Dies hat sich als eindeutig falsch erwiesen. Die Wirksamkeit korrigierender emotionaler Erfahrungen und das Gewinnen neuer Einsichten ist auch bei Menschen in höherem Alter inzwischen wissenschaftlich überzeugend nachgewiesen, und stimmt mit den langjährigen Erfahrungen unseres Hauses überein.

In unserem psychodynamisch fundierten Therapieansatz werden körperliche und seelische Beschwerden gleichermaßen beachtet, gewichtet und mit den jeweils geeigneten Maßnahmen behandelt. Da nach aktuellem Kenntnisstand psychotherapeutische Verfahren ggf. auch mit der Gabe von Medikamenten gut kombiniert werden können, besteht einer der Schwerpunkte der Abteilungskonzeption darin herauszufinden, für welche Patienten sich ein eher psychotherapeutischer bzw. ein vornehmlich kombinierter Ansatz (Psychotherapie plus Psychopharmaka) eignet. Dies kann im stationären Rahmen mit durchgängig verfügbarer ärztlicher Präsenz besonders wirksam und zeitsparend erfolgen.

In der psychodynamischen Einzel- und Gruppenpsychotherapie werden innere Konflikte und die Auswirkungen individueller Beziehungsmuster auf das aktuelle zwischenmenschliche Geschehen spür- und bearbeitbar. Häufig einseitige und einengende Bewältigungs- und Verhaltensstrategien werden in den Therapien wie auch im Alltag der Klinik sichtbar und so einer allmählichen Veränderung zugänglich.

Unser integratives Behandlungskonzept bietet eine Kombination einsichtsorientierter und bewältigungsorientierter Therapien. Je nach Schweregrad kann eine begleitende medikamentöse Behandlung den Therapieprozess unterstützen. Unser Behandlerteam, bestehend aus Mitarbeitern verschiedener Berufsgruppen, erarbeitet gemeinsam mit dem Patienten sowohl ein "psychodynamisches" Verständnis (Einsicht in das Kräftespiel der Seele, Aufarbeitung verdrängter Konflikte) als auch praxisnahe Bewältigungsmöglichkeiten.


Behandlungsangebot
Die Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der zweiten Lebenshälfte an der Sonnenberg Klinik verfügt über insgesamt 12 Behandlungsplätze, davon 6 mit Schwerpunkt Psychodynamische Gruppe, 6 mit einem kombinierten Setting mit 2 x Gruppen- und 2 x Einzeltherapie.

Die als Gruppensetting konzipierte Therapie umfasst

Sozialtherapeutische Gespräche werden bei Bedarf als individuell vereinbarte Einzelkontakte durchgeführt. Auch Paar- und Familiengespräche können bei entsprechender Indikation durchgeführt werden. Fachpflegerisches Personal sowie ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten stehen - bei Bedarf - rund um die Uhr zur Verfügung.

Im gemischten Setting sind folgende Therapien vorgesehen:

  • Analytisch orientierte Einzeltherapie (2 x 50 min/Woche)
  • Analytisch orientierte Gruppentherapie (2 x 100 min/Woche),
  • Musiktherapie (2 x 90 min/Woche),
  • Körpertherapie in Form von Szenischer Bewegung (2 x 90 min/Woche) und
  • Qigong (1 x 60 min/Woche)
Sozialtherapie in Einzelkontakten bei Bedarf, gemeinsame Gruppenaktivität 1 x/Woche, bei Bedarf Arbeitsversuch (2 x 3 Stunden/Woche), bei Bedarf körpermedizinische bzw. physiotherapeutische Angebote.

Im Rahmen der Bezugspflege werden die Patientinnen und Patienten durch eine Bezugsschwester oder deren Vertreterin begleitend unterstützt. Die Bezugsschwester steht für die gesamte Behandlungszeit als Ansprechpartnerin für aktuelle Belange und die Bewältigung des Klinikalltages zur Verfügung.


Behandlungsablauf
Die Notwendigkeit und Möglichkeit einer vollstationären Behandlung in unserem Fachkrankenhaus wird vor der Aufnahme sorgfältig geprüft. Die Interessenten werden gebeten, einen "Selbstbericht" auszufüllen, die vorbehandelnden Ärzte oder Psychotherapeuten um eine kurze Stellungnahme gebeten. Grundsätzlich wird ein ambulantes Vorgespräch durchgeführt, das der Klärung der Möglichkeit einer stationären Behandlung sowie deren Voraussetzungen dient. Jeder Patient wird in den ersten Tagen von seinem Paten, d.h. einem Mitpatienten seiner Abteilungsgruppe, begleitet. Ab dem 2. Aufenthaltstag ist die Teilnahme am Therapieprogramm der Abteilung verbindlich.

In der Regel beträgt eine sinnvolle Aufenthaltsdauer in unserer Abteilung zwischen 4 und 8 Wochen, gelegentlich auch länger. Die Aufenthaltsdauer ist vom jeweils individuellen Krankheitsbild bzw. vom Behandlungsverlauf abhängig und wird in jedem Fall mit dem einzelnen Patienten abgestimmt. Häufig wird die Behandlung in eine ambulante Therapie einmünden, wobei wir gerne behilflich sind, mit unseren Patienten im Rahmen eines Netzwerkes zur psychotherapeutischen und psychosomatischen Versorgung nach einem geeigneten Therapeuten zu suchen.


Behandlungsziele
Das allgemeine Ziel der Behandlung besteht in der Entwicklung einer ausreichenden psychischen Stabilität, in der Zunahme von Fähigkeiten zur besseren Selbststeuerung bzw. zu vertiefter Einsicht in die innerseelischen Ursachen der bestehenden Krankheitszeichen und Symptome. Unterstützt wird so das zunehmend bessere Verständnis für die eigene Erkrankung, die Stärkung der Konflikt- und damit Beziehungsfähigkeit, die Förderung von positiven Selbstbildern und die Auseinandersetzung mit der Bedeutung und den Folgen der Erkrankung. Ziel ist immer auch die Verbesserung der Realitätsanpassung, der Stärkung der Selbstfürsorge sowie der Stärkung der Selbstwirksamkeit trotz oder gerade weil das Älterwerden mit allerlei Einschränkungen gerade in Bezug auf die körperliche Leistungsfähigkeit einhergeht.